Das Jahr 2005 !!!   

Nach Simons Beerdigung gab es nicht mehr viel zu tun. Wir mussten wohl oder übel in unseren Alltag zurückkehren. Das war allerdings nicht so einfach. Jeder Kinderwagen, jede Packung Windeln im Supermarkt alles das tat fürchterlich weh. Ich konnte mir nur ein paar Blümchen ansehen, die ich kaufte und Simon aufs Grab pflanzte. Mehr hatte ich nicht zu tun.  

Im März wurde mir von meinem Arbeitgeber eine Festanstellung angeboten. Ich freute mich wahnsinnig. Ich nahm das Angebot an und arbeitete ab Mitte März wieder. Der Alltag hatte uns bald wieder. So mehr oder weniger. Die Heulattacken wurden weniger und im Internet traf ich viele andere Betroffene mit denen ich mich austauschen konnte. Für uns war auch klar, das wir es noch mal versuchen wollten ein Baby zu bekommen. Schon bald starteten wir die nächsten Übungsversuche. Der Job im Kinderhospiz war nicht mehr so wie vorher. 3 Monate nach Simons Tod, kam ein Kind ins Abschiedszimmer. Plötzlicher Kindstod mit 8 Monaten. Das hat mich derart aus der Bahn geworfen das ich an diesem Tag keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Es ging einfach nicht. Trotzdem riss ich mich zusammen, schließlich wollte ich den Job behalten. Aber es fiel mir sehr schwer.
Mein Umfeld ging so halbwegs normal mit mir um. Es kam aber immer wieder zu „blöden Situationen“. Mütter aus dem Hospiz die mich im schwangeren Zustand kannten, sahen mich und fragten freudestrahlend was es denn geworden sei. Während ich mit den Tränen kämpfte, erklärte ich das es halt schiefgelaufen sei. Die Reaktionen waren fast immer dieselben. Sie murmelten ein „Oh, das tut mir aber leid“ wichen meinem Blick aus und suchten sich ganz schnell eine Beschäftigung um sich von mir abwenden zu können.
Es gab aber auch andere Reaktionen. Mütter aus Lenas Kindergarten kamen auf mich zu und nahmen mich einfach so in den Arm. Und alle erklärten mir anschließend das ihnen dasselbe passiert ist.
 
Was mich in der Zeit tierisch nervte war ein Satz den ich ungefähr 356842541698 Mal von zu hören bekam: “Du bist eine sehr starke Frau“!!!!
Immer wieder wurde mir das gesagt von Leuten die mich kaum kannten. Jetzt möchte ich diese Leute einfach mal fragen:
 „Woher wollt ihr das wissen ????“
Nur weil ich in dem Moment wo wir uns unterhalten haben nicht in Tränen ausgebrochen bin ??? Weil ihr gesehen habt, wie ich meinen Alltagspflichten nachgegangen bin wie immer ???
Was hätte ich tun sollen, damit ihr denkt das ich nicht so stark bin ??
Mich zuhause vergraben ?? Vor den Zug werfen ?? Oder vielleicht in tiefe Depressionen verfallen ??
Was hätte ich davon gehabt ?? Gar nichts.
Ich bin nicht so stark wie ihr alle denkt. Den Alltag habe ich gemeistert weil ich MUSSTE. Ich musste für Lena da sein, die genauso trauert wie ich. Die Wäsche wäscht sich auch nicht von allein und ich kenne noch keinen Herd der ein Essen alleine kocht. Ich musste funktionieren.
Ihr habt nicht gesehen, wie ich mit Tränen kämpfte wenn ich nur einen Kinderwagen sah. Ihr habt nicht gesehen, wenn ich mich abends in den Schlaf weinte oder unter Tränen frische Blümchen auf Simons Grab pflanzte. Ich war stark in Situationen in denen ich musste. Aber es gab auch viele Situationen in denen ich einfach nur endlos traurig, wütend oder neidisch war. Wütend auf die Leute die mir ein Foto eines Neugeborenen unter die Nase hielten und freudestrahlend verkündeten ein gesundes Baby zu haben. Neidisch auf die Freunde aus dem Internet, die meist wenige Wochen nach ihrem Verlust wieder schwanger wurden, und traurig weil ich Angst hatte nie mehr ein Baby zu bekommen.
Im Sommer wurde Lena eingeschult. Mit dem Tag ist sie ein ganzes Stück „gewachsen“.
Sie fragte öfter: Mama, wann wirst Du wieder schwanger ?? Diese Frage fühlte sich wie ein Stich an. Wie gerne würde ich ihr diesen Wunsch erfüllen. Ich hatte schon gemerkt das sie traurig wurde, wenn andere Kinder von ihren Geschwistern erzählten. Sie konnte immer nur erzählen, das sie zwar einen Bruder hat, der aber leider gestorben ist. Irgendwann habe ich ihr genau erklärt, das das mit dem schwanger werden nicht so einfach ist. Seitdem wurden die Fragen seltener und unser Alltag alltäglicher.
Gegen Ende des Jahres wurde mir im Hospiz gesagt, das ich im Januar an einer Tagung teilnehmen musste. Ich freute mich, weil ich endlich das Gefühl hatte dazuzugehören. Bisher fühlte ich mich irgendwie eher wie ein „Hiwi“ (Hilfswilli) Als ich dann allerdings hörte, an welchen Tagen diese Tagung ist hielt sich meine Laune in Grenzen. Es war genau vom 11.01. bis 13.01. Und das waren genau die Tage, die ich eigentlich mit meiner Familie verbringen möchte. Um Simons ersten Geburtstag wenigstens ein bisschen zu feiern. Ich konnte mir nur schwer vorstellen alleine in einem Zimmer des Mutterhauses zu liegen an diesen Jahrestagen. Genau das wurde von mir verlangt. Ich durfte auch nicht über Nacht nach Hause gehen. Das Mutterhaus ist 5 Minuten Fussweg von hier.
Aber weil ich den Job behalten wollte und mich eigentlich auch ein bisschen freute das ich daran teilnehmen durfte biss ich die Zähne zusammen.
 
Das Jahr 2006
 
Die 2 Tage der Tagung vergingen recht schnell. Die Seminare waren hilfreich, obwohl mir die ganze Zeit eher zum heulen zumute war. Nur gut das alle Kollegen meine Geschichte kannten und mir das nicht übel nahmen.
Im Februar dann kam der große Hammer. Ich sollte zur „Mitarbeiterbesprechung“ zum Chef. Das müssen alle Festangestellten einmal im Jahr. Das hieß also auch: Ich gehöre dazu.
Die erste Frage lautete: Arbeiten sie gerne hier ??? Ich lobte alles an dem Job, ich arbeitete gerne hier. Immerhin schon 3 Jahre lang. Mein Chef sagte dann nur noch, das mein Vertrag nicht verlängert werden würde. Ich wäre unfreundlich zu jemanden gewesen, man hätte sich über mich beschwert. Er zählte noch ein paar Kleinigkeiten auf und meinte dann, das er mir den Vertrag nur angeboten hätte, weil das mit Simon passiert ist. Er hätte sich verpflichtet gefühlt mich für ein Jahr wiedereinzustellen. Auf deutsch: Ich habe nur aus Mitleid diesen Job gekriegt !!!
Ich war sauer, stinkesauer. Ich hätte ihn klatschen können. Und dafür hat er mir den allerersten Jahrestag meines Sternenkindes versaut. Mich gezwungen an dieser dämlichen Tagung teilzunehmen. Gleichzeitig ärgerte ich mich maßlos das ich das auch noch mitgemacht habe.
Mir wurde langsam klar, das ich diesen Job dort nicht mehr machen konnte. Wenn ein Kind starb konnte ich das früher ganz gut verpacken. Aber jetzt warf mich das völlig aus der Bahn. Ich überlegte wo ich unfreundlich war. Es konnte nur eine Situation sein. Ich hatte einen schlechten Tag und weinte viel. In dem Moment wollte ein Gast etwas kaufen. Sie merkte aber das ich dazu kaum in der Lage war und versprach etwas später wiederzukommen. Für mich hörte sich das sehr verständnisvoll an. Aber na ja……………
Die letzten Arbeitstage strengte ich mich nicht weiter an. Wozu auch. Ich ließ mir die Zeit die es eben dauerte.
Ich hatte sowieso keine Nerven mehr dafür. Lena kam am 2. März in die Kinderklinik. Sie hatte seit Wochen unerträgliche Schmerzen in den Beinen. Sie konnte kaum noch laufen. Es wurden erstmal zig Untersuchungen angestellt. EEG, Lumbalpunktion, Blutbild. Die Lumbalpunktion war unauffällig, das EEG auch. Gottseidank. Am nächsten Tag sagten mir die Ärzte das ihre Entzündungswerte im Blut irrsinnig hoch waren. Sie hatte eine Muskelentzündung. Woher die kam, sollte noch untersucht werden. Einige Tage später wurde bei ihr eine Muskelbiopsie gemacht. Es stellte sich heraus das die Entzündung weder von Bakterien noch von Viren ausgelöst wurde. Es war ein Irrtum ihres Immunsystems. Ihre eigenen Abwehrstoffe kämpften gegen ihre Muskelzellen. Sie hat also eine Autoimmunkrankheit. Sie bekam hochdosiertes Kortison. 6 Wochen lang. Nach 2 Wochen konnte sie endlich wieder nach Hause. Ihre Muskeln heilten wieder und sie konnte sich besser bewegen. Nur durch das Kortison wurde sie schrecklich dick. Sie sah furchtbar aus.
Nach ein paar Monaten gings ihr wieder soweit gut. Wir mussten zwar alle paar Wochen zur Blutkontrolle in KH, aber damit konnten wir gut leben. Die Muskelentzündung ist bis heute nie wieder aufgetreten.
Nach ein bisschen Internetrecherche kriegte ich raus, das Autoimmunkrankheiten zu 95 % psychisch bedingt sind. Gut möglich das Simons Tod das bei ihr ausgelöst hat.
 
2005 war ein schreckliches Jahr. Und 2006 fing auch nicht viel besser an. Nachdem Lenas Krankheit ausgestanden war dachte ich würde es mir besser gehen. Ging es aber nicht. Wir versuchten immer noch ein Baby zu kriegen. Es klappte einfach nicht. Jeden Monat kam die Enttäuschung aufs Neue. 2005 hatte mich das schon sehr belastet. Aber jetzt fing es an zu nerven. Mir wurde so oft gesagt: „Hab Geduld, das geht nicht so schnell“. Ich wusste das sie alle Recht hatten die das sagten. Aber wie zum Teufel stellt man einen Kinderwunsch ab ???
Dieser Druck dem ich mich selber aussetzte musste aufhören. Also hielt ich alles was mit Babys zu tun hatte von mir fern.
Ich brach Kontakte zu den schwangeren Internetfreundinnen ab. Ich verabschiedete mich aus einem Forum das mir anfangs sehr geholfen hatte, jetzt aber mehr zur Belastung wurde. Ich suchte zeitweise nach einem neuen Forum, fand aber keines. Eines Tages fand mich ein Forum. D.h. die zukünftige Admine (eine frühere Brieffreundin) mailte mich an und erzählte mir davon. Ich versicherte mich sogar bei ihr, das es in diesem Forum nicht ums Kinderkriegen geht und machte dort mit.
(An dieser Stelle: Vielen Dank Eva, das hat mir damals wirklich sehr geholfen.)
Im Supermarkt machte ich schon lange einen großen Bogen um die „Hipp-Abteilung“. Meine ganzen Umstandsklamotten wurden bei Ebay vertickt. Hauptsache wech. Ich fing an nur noch alle negativen Seiten des Kinderkriegens zu sehen. Lenas Schulprobleme taten ihr übriges. Noch ein Kind durch die Schule bringen? Um Gottes Willen………undenkbar. Lena war schon bald 8 Jahre alt. Wenn sie jetzt noch Geschwister kriegte hätte ich 2 Einzelkinder. Auch nicht so super.
Wir fingen an nach und nach unsere Wohnung zu renovieren. Ich will auf jeden Fall hier wohnen bleiben. Für 4 Leute wäre die Bude eh zu klein. Wir kriegten eine nagelneue Küche. Mein Traum seit langem.
Im Supermarkt sah ich einmal eine gestresste Mutter, die ihren 1 ½ jährigen quengelnden Sprössling dabei hatte. „Gottseidank ist Lena aus dem Alter raus……….und noch so ein Quengelmonster………..nein danke !!! Trotzdem wurde ich immer noch ständig gefragt ob wir es noch mal probieren wollten. Ich sagte meist, ich weiß es nicht und hoffte das mich keiner mehr so was fragen würde.
Dann beschäftigte mich die Frage, was wäre wenn……….ich jetzt schwanger werden würde. Ich würde eh nur Angst haben.
 
Das Jahr 2007
 

 

Ich musste mit Lena im Sommer zu einer Psychologin des Gesundheitsamtes wegen einer Förderung die Lena brauchte. Nach einem Gespräch mit Lena sagte sie mir :“ Wissen sie, das sich ihre Tochter ein Geschwisterchen wünscht“??? Irgendwie überraschte mich diese Frage nicht, aber andererseits war ich schon platt. Lena hatte seit vielen Monaten nicht mehr über evtl. Geschwisterchen geredet. Wahrscheinlich weil ich das für mich völlig ausgeblendet habe. Mir wurde klar das dies eine Art Herzenswunsch von Lena ist. Einige Tage beschäftigte mich das. Aber ich konnte nun mal kein Baby herbeizaubern. Man kann nicht alles haben und Lena wird damit fertig werden müssen ein Einzelkind zu bleiben.  
Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Wieso möchte kein Baby mehr zu mir kommen ?? Bin ich soo schlimm ?? Lenas Lehrer hatten auch nichts Besseres zu tun als mir ständig Erziehungsfehler vorzuwerfen. Ich glaubte immer mehr eine miserable Mutter zu sein. Vielleicht ist Simon deshalb gestorben. Vielleicht wollte er mich nicht als Mutter. Vielleicht ist mir ein zweites Kind nicht vergönnt. Ich habe diese Gedanken niemandem erzählt. Es würden eh alle nur sagen ich solle mir so was nicht einreden, es wäre Quatsch.

 

Ich fing nach und nach an diese Tatsache zu akzeptieren. Eigentlich hätte ich im Juli zu einem Vorsorgetermin bei meinem Frauenarzt gemusst. Aus irgendeinem Grund schob ich diesen vor mir her.
Die übrigen Monate in 2007 verliefen ruhig. Ich war eher mit Lenas Problemen in der Schule beschäftigt. Im Oktober wurde ich dann von der Arge in eine 3-monatige Maßnahme gesteckt zwecks Wiedereinstieg ins Berufsleben. Das Praktikum was ich machte ist super gelaufen, und man bot mir einen Aushilfsjob dort an. Außerdem fand ich innerhalb der Maßnahme auch eine Freundin. Alles in allem lief es bestens. Keine Zeit mehr um Gedanken an ein Baby zu verschwenden das ich sowieso nie kriegen werde. So ging auch das Jahr 2007 zu Ende. Zwei Tage vor Silvester bekam ich meine Periode………mal wieder und gleichzeitig eine Magengrippe zur Krönung.

 

 Januar 2008

Ich trat am 3. Januar meinen Aushilfsjob an. Meine Chefin hatte diesbezüglich ein paar Hintergedanken. Sie rechnet damit das jederzeit eine ihrer Arbeiterinnen in Rente gehen würde und sie dann jemand wie mich bräuchte. Die Aussichten fand ich natürlich klasse. Mitte Januar stand für mich fest: Ich warte meine nächste Periode ab und dann werde ich zum Doc gehen und mir wieder die Pille verschreiben lassen. Dieser Gedanke tat nicht mal weh. Es wunderte mich selber, aber ich hatte es geschafft den Kinderwunsch abzustellen. Es hat zwar 2 Jahre gedauert, war mal sehr schwer und mal leichter. Aber ich kann endlich wieder ein normales Leben führen. 
Der Tag an dem ich „fällig“ war kam und ging. Der nächste Tag auch. Als sich am dritten Tag immer noch nichts tat, fing ich an mir Gedanken zu machen. Das konnte doch nicht sein. Mehr als zwei Tage hat sich meine Periode nie verschoben. Ab diesem Zeitpunkt stellte ich fest, das mein Busen so „komisch“ wehtat. Und dann wurde ich schrecklich nervös. Bin ich wirklich schwanger ??? Allein diese Gedanken zu denken war für mich völlig fremd. Es fühlte sich so merkwürdig an. So als ob das doch alles nur ein Traum ist und überhaupt nicht wahr sein kann. Dann hielt ich es nicht mehr aus und besorgte einen Test. Ständig rannte ich zum Klo mit der Hoffnung und gleichzeitig der Befürchtung, ich würde meine Periode doch noch kriegen. Sie kam nicht. Der Test war positiv. Ich war schwanger. Ich konnte es nicht glauben. Plötzlich rasten die Gedanken durch meinen Kopf. Es hat zwei Wochen gedauert bis ich es realisiert hatte.
Jetzt haben wir April 2008 und ich bin in der 15. Woche schwanger. Wir freuen uns alle riesig auf unseren „Bäuchling“ mit der Hoffnung das diesmal alles gut geht.  
2 Jahre lang hab ich „gearbeitet“ um den Kinderwunsch loszuwerden. Aber es sind nur Sekunden die es dauert das ganze wieder umzukehren.
 
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