Lena hat sehr schnell begriffen, das ihr kleiner Bruder gestorben ist. Sie wusste was Tod bedeutet. Und doch liebt sie Simon bedingungslos. Für sie ist er immer da. Das bringt sie immer wieder ganz deutlich zum Ausdruck. Wir waren anfangs sehr erstaunt wie locker Lena mit ihrer Trauer um Simon umgeht. Da ging sie eines nachmittags zu seinem Grab und stellte fest, das die Kerze schonwieder ausgegangen war. "Mama, ich glaub ich muss mal mit Simon schimpfen. Der pustet immer wieder die Kerze aus". Sie schimpfte anschließend tatsächlich mit ihm, aber so liebevoll............das war überwältigend. So ging es weiter. Als wir im Urlaub waren und es anfing zu regnen sagte sie: "Oh nein, es regnet. Hat der Simon wieder zu dolle in den Wolken rumgepiekt." Mit ihrer Omi führte sie immer wieder Unterhaltungen. "Omi, wenn man einen Bruder hat und der ist tot, dann kann man den doch trotzdem lieb haben!"
Im Urlaub verbrachte sie Stunden bei ihrer Omi, die ihr in dieser Zeit das Sticken beibrachte. "Omi, der Simon sieht doch jetzt, daß ich sticken kann. Gut, dann stick ich ihm auch was und das kommt dann in mein Zimmer und dann kann er es immer anschauen, wenn er mich besucht."
Sie träumte. "Ich hab von Simon geträumt, er hat mir ein großes Herz geschenkt mit einen Negerkuß drauf und der hat soooo gut geschmeckt."
Sehr wichtig für sie war auch das Versprechen was ihre Omi ihr gegeben hat. Und das hat die Omi selbst geschrieben:

Ein Geschenk für Simon
Lena hat eine Puppi, die sie sehr liebt und ohne die kein Tag und keine Nacht für Lena denkbar wäre. Und so hat die Puppi zu Lena gefunden: Lena war noch nicht auf der Welt, das kleine Bettchen war schon aufgebaut, das Kinderzimmer fertig. Ich schaute in das Bettchen und dachte: Nein, so geht das nicht, das ist viel zu leer.  In dem Moment fiel mir ein, dass meine Mutter bei allen meinen Kindern immer irgendetwas Weiches, Knuddeliges in die Kinderbetten gesetzt hatte. Und mit schöner Regelmäßigkeit waren das die heissgeliebten, ständigen Begleiter. Tja, Oma, jetzt bist du dran. Beim nächsten Einkauf begegnete mir eben diese Puppi, weich, mit Wollzöpfen, einfach zum Knuddeln. Wenig später saß sie in Lenas Bett und hat es bis heute nicht verlassen.
Als im letzten Jahr Lenas Geschwisterchen erwartet wurde, hatte ich Lena versprochen, mit ihr zu Toys ´r us zu fahren, damit sie eine Puppi für Brüderchen oder Schwesterchen aussuchen sollte, und ganz sicher würde dabei auch ein Geschenk für die große Schwester abfallen. Lena war mächtig stolz, wusste sie doch, wie wichtig so eine Puppi ist.
Dieses Versprechen hatte ich ihr an ihrem 6. Geburtstag gegeben.
Doch dann sollte alles ganz anders kommen. Bevor ich mein Versprechen einlösen konnte, kam Simon als unser Sternenkind zur Welt.
Während der ganzen traurigen Zeit geriet einiges in den Hintergrund, auch der geplante Puppenkauf.
Doch ganz vergessen habe ich das Versprechen nie.
Mir war nur nicht ganz klar, in welcher Form ich es abändern könnte, um es einlösen zu können, denn versprochen ist schließlich versprochen.
Dann hatte ich eine Idee.
Lena war heute wieder so gesund, dass ich sie mir "ausleihen" konnte.
Zunächst hatte ich ein Gespräch mit Lena, dass das Versprechen ja immer noch im Raum steht, aber dass eine Kuschelpuppi für Simon sicher nicht das richtige ist. Dann haben wir gemeinsam nachgedacht und festgestellt, dass unser Simon ja immer dort ist, wo wir gerade an ihn denken. Für Lena war das eindeutig Simons Grab und ihr Zimmer.
Mit diesen Vorgaben machten wir uns auf den Weg nach Siegen, unterwegs dachten wir noch darüber nach, was man denn am besten kaufen könnte. Aus einigen Vorschlägen suchte Lena sehr schnell und sicher eine Eisenbahn für Simons Grab und eine kleine Puppe für ihr Zimmer aus.
Was ich dann erlebte war zunächst ein total überwältigtes Kind. Soviel Spielzeug auf einen Haufen hatte sie noch nie gesehen. Sie durfte für sich ein paar Sachen aussuchen und eben für Simon. Ich war schon erstaunt, wie zielsicher sie, bei aller Freude über ihre eigenen Geschenke, nach denen für Simon Ausschau hielt.
Als ich ihr eine Puppe hinhielt, schaute sie mich nur an: Omi, Simon ist doch ein Junge, kein Pink. Ups! Sie kramte so lange, bis sie eine gefunden hatte, die richtig war. Als ich sie fragte, ob die wohl Simon gefallen würde, war ganz klar: Ich weiß das, der Simon ist doch mein Bruder.
Auch bei der Eisenbahn war sie sehr schnell sicher, dass es die bunte aus Holz  sein musste. Für ihr Zimmer suchte sie sich noch Leuchtsterne aus, damit Simon sie auch immer finden kann. Nach Imbiss und Eis und allem, was zu so einem Omi-Lena-Ausflug gehört, fuhren wir zurück und dann zum Friedhof.
Dort baute Lena ganz allein auf der Wiese neben dem Grab die Eisenbahn zusammen - genauso wie auf dem Bild. Mit vereinten Kräften haben wir sie dann auf das Grab gestellt. Lena schien sehr zufrieden und ganz stolz, dass sie ihrem Bruder etwas schenken durfte.
Die kleine Puppe hat ihren Platz auf Lenas Fensterbank, damit Simon sie auch immer gleich finden kann.
Ich glaube, sie war jetzt ganz schön geschafft, aber auch sehr glücklich.
Und ich auch.

Lenas Umgang mit Simon hat uns Erwachsenen gezeigt wie einfach es im Grunde ist, ihn ins tägliche Familienleben miteinzubeziehen. Nach ein paar Wochen begannen wir genauso über ihn zu reden. Da pustete er immer wieder Kerzen aus. Spielte mit seinem Teddy auf seinem Grab und setzte ihn nicht wieder ordentlich hin. Jagte Schnecken über seine Grabplatte und im Herbst warf er mit Blättern und Haselnüssen um sich. Einmal hat er sogar eine Erdnuss auf seinem Grab verbuddelt. Weiß der Geier, wo er die herhat. Bestimmt mit nem Eichhörnchen gedealt ?!?! Und das Windrad hat er auch kaputtgemacht. Wie es sich für richtige Jungs gehört.
Vor ein paar Tagen fand ich eine Muschel zwischen den kleinen weissen Steinchen. Ganz klar, Simon war mit uns im Urlaub am Strand und hat sich eine kleine weiße Muschel mitgebracht.
Simon hat  einen ganz großen Platz in unser aller Leben und in unseren Herzen eingenommen. Er zeigt uns immer wieder:"Ich bin da wo ihr seit". Lena hat genau das erkannt. Ihre kindliche Unbefangenheit und ein ganzer Batzen Phantasie, die ihren kleinen Bruder lebendig bleiben lässt.

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